Nonkonformistinnen
Die Hauptfiguren der US-Erfolgsserie »Gilmore Girls« sind unabhängig, selbstbewußt, chaotisch. Inzwischen wurde die Produktion auch wissenschaftlich untersucht.
Die »Gilmore Girls« flimmerten in 153 Folgen auch in
Deutschland über den Bildschirm. Von vielen Zuschauern geliebt, ist die von
2000 bis 2007 gedrehte US-TV-Serie um die alleinerziehende Lorelai und ihre
Tochter Rory durchaus einen zweiten Blick wert. Lorelai quasselt in einer Tour,
trinkt Kaffee ohne Ende und gerät in Liebesdingen wegen ihres unsteten Geistes
eher in die Bredouille, statt auf Wolke sieben zu landen. Rory hingegen ist
ernsthaft und fleißig, konzentriert sich auf die Karriere und verläßt kaum
jemals das Haus ohne ein Buch in der Tasche. Und es ist nicht nur diese
Mutter-Tochter-Beziehung, die von den gewohnten Stereotypen der
Fernsehunterhaltung abweicht.
Die ungeheure Popularität der US-amerikanischen Produktion, die ihr dank der
humorvoll-intelligenten Ausgestaltung von Protagonisten und Nebenfiguren eine
Laufzeit von sieben Staffeln einbrachte, inspirierte die Wuppertaler
Professorin Maria Anna Kreienbaum und ihrer Mitarbeiterin Katharina Knoll zu
einem interdisziplinären Seminar, das die Erziehungswissenschaftlerinnen im
Wintersemester 2009/2010 veranstalteten. »Nicht ohne Risiko für die eigene
wissenschaftliche Reputation«, wie sie anmerken. Schließlich gilt hierzulande
die Beschäftigung mit dem Medium Fernsehen im akademischen Kontext häufig nach
wie vor als trivial.
Die Ergebnisse des Seminars liegen jetzt in einem Sammelband vor. Vier
Autorinnen und ein Autor widmen sich darin aus stadt- und mediensoziologischer,
gendertheoretischer sowie sozialpsychologischer Sicht der Frage, warum die
Serie so erfolgreich ist, welche Frauen- und Familienbilder sie transportiert
und inwieweit sie mögliche Handlungsmuster für Zuschauerinnen zeigt.
Bereits in ihrer kurzweiligen Einführung »Über Freizeitinteressen zur Wissenschaft
und zurück« entdecken Knoll und Kreienbaum in der Grundstruktur der Handlung
nichts weniger als einen »Paradigmenwechsel im Frauenbild und im Umgang mit
Geschlechterkonstruktionen«. Das ist auch für das nichtakademische TV-Publikum
leicht zu erkennen: Protagonistin Lorelai wird nicht nur mit 16 ungewollt
schwanger, sondern bricht komplett aus den tradierten Rollenmustern ihres
ebenso reichen wie spießigen Elternhauses aus. Statt den Vater des Kindes zu
ehelichen, verschwindet sie bei Nacht und Nebel, um sich und ihre Tochter in
der Kleinstadt Stars Hollow allein über Wasser zu halten. Und das gelingt der
intelligenten, schlagfertigen jungen Frau, die sich zur Besitzerin eines
kleinen Hotels hocharbeitet, auch ohne männliche Hilfe außerordentlich gut. Ihr
Verhältnis zu Rory ist ein partnerschaftlich-freundschaftliches. Sie
unterstützt den schulischen Weg und den Reifeprozeß ihrer Tochter, ohne den
Druck, den sie selbst erfahren mußte, an sie weiterzugeben.
Die Buchbeiträge »Hegemoniale Weiblichkeit« sowie »Frauenbilder und -rollen«
widmen sich dem interessanten Personal der Serie, welches weit mehr als nur die
beiden Hauptfiguren umfaßt. Denn obwohl die Handlung in einem kleinen fiktiven
Ort im Bundesstaat Connecticut spielt, entsprechen die Figuren nicht den
gängigen US-amerikanischen Kleinstadtklischees: Cheerleader und rivalisierende
College-Kids sucht man ebenso vergebens wie tüchtige Vorstadtmuttis und deren
erfolgreiche Gatten. Vielmehr sind hier individuelle, vielschichtige Charaktere
in einem bildungsnahen Setting angesiedelt, die vielfach den amerikanischen
Traum ironisieren und insbesondere dem weiblichen Publikum Möglichkeiten für
positive Identifikation bieten.
Kreienbaum kommt zu dem Schluß, die »Darstellung anregender intellektueller Milieus«
jenseits von Stereotypen sei so überzeugend, daß die gezeigte Gesellschaft
»nicht wie eine ferne Utopie, sondern wie gelebte Realität« wirke. Hierzu
allerdings merken die Herausgeberinnen kritisch an, daß bestimmte Bereiche der
US-amerikanischen Gesellschaft in der heilen, weißen Welt Stars Hollows –
fernab von Trailer Parks oder rassistischer Ausgrenzung – ausgeklammert
bleiben.
Dennoch kommen die »Gilmore Girls« selbst als akademische Untersuchungsobjekte
noch so erfrischend nonkonformistisch, frech, intellektuell und witzig daher,
daß die Beschäftigung mit ihnen gewiß nicht zum Makel in der
Wissenschaftlerinnenvita gerät. Mit ihrem Sammelband liefern Kreienbaum und
Knoll nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs, sondern auch in der Diskussion
um einen »neuen Feminismus« lesenswerte Denkanstöße. Aber auch Fans der Serie
können sich mit Hilfe der Beiträge »einfach so« aus neuen Blickwinkeln mit
ihren Lieblingen wie Luke, Lane oder Sooki beschäftigen. Dies wird den Zauber
der Serie nicht brechen, ihn aber um den Spaß analytischen Erkennens
bereichern.
Maria Anna Kreienbaum/Katharina Knoll (Hg.): Gilmore Girls, mehr als eine Fernsehserie? - Sozialwissenschaftliche Zugriffe. Verlag Barbara Budrich, Opladen 2011, 142 Seiten, 14,90 Euro
Junge Welt, 4.11.2011
Zurück: Vielschichtig und hintergründig