Vielschichtig und hintergründig
Ibsens „Hedda Gabler“ in den Kammerspielen Bonn
Eigentlich könnte alles so schön sein: Nach langen Flitterwochen zieht ein Paar in seine neue Villa ein. Dort soll das gemeinsame Leben beginnen, das dem Ehemann bald die ersehnte Professur bringt, die allen Finanzsorgen ein Ende setzen wird. – Doch da wir in einem Ibsen-Drama und nicht in einem Disneyfilm sind, geht hier rein gar nichts gut aus.
Die Protagonistin Hedda Gabler ist eine verwöhnte Generalstochter, die den Akademiker Jörn Tesmann nur geehelicht hat, um die Fortführung ihres gehobenen Lebensstils zu sichern. Ihr Ehegatte, der bisher unter den Fittichen seiner Tanten gelebt hat, merkt nicht - geblendet von ihrer Schönheit - dass sie mit Menschen spielt wie eine Katze mit der Maus. Wenn schon selbst nicht glücklich, dann ergötzt sich Hedda wenigstens daran, das Glück anderer zu zerstören. So etwa Frau Elvsted, der sie ihren abgelegten Liebhaber Ejlert Lövborg nicht gönnt, weil der vom Trinker zum gefeierten Autor mutiert ist. Oder eben Lövborg, da dieser lieber mit der Elvsted an Büchern arbeitet, als ihr hinterherzulaufen. Tesmann, der sich an seiner Arbeit in staubigen Archiven erfreut. Doch am Ende gleiten Hedda die Fäden ihrer Manipulationen aus der Hand. Zwar treibt sie ihren Ex erfolgreich in den Tod – doch auch ihr selbst bleibt nichts als ein spektakulärer Freitod…
Nein, eine Identifikationsfigur ist Hedda Gabler nicht gerade. Seit der Uraufführung 1891 rätseln Regisseure und Publikum, wie man die zwiespältige Figur richtig deutet, deren Lebens-Überdruss und Langeweile mühelos von Klaus Weise in der aktuellen Inszenierung in die Partygeneration des 21. Jahrhunderts übertragen wurde. Opfer und Täterin zugleich, bleibt Hedda ambivalent – und wird hier gekonnt unterkühlt von Katharina von Bock gespielt. Doch auch die anderen Darsteller in den Kammerspielen stehen ihr in nichts nach. Germain Wagner gibt den eifrigen Tesmann vortrefflich und anrührend, während Tatjana Pasztor aus Frau Elvsted endlich einmal mehr herausholt als eine langweilige Landpomeranze. Wunderbar fies ist Wolfgang Maria Bauer als Richter Brack. Außer an der rätselhaften, überflüssigen Figur der Charity (Charity Laufer) ist weder an der Besetzung noch am Bühnenbild oder den Kostümen etwas auszusetzen – alles zusammen sorgt für Theaterunterhaltung, wie man sie sich wünscht.
"Schnüss" Stadtmagazin Bonn, Januarheft 2011Mona Grosche
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