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Keine Einheitsplatte

 

Philipp Meuser zeichnet ein neues Bild vom industriellen Wohnungsbau der UdSSR

 

Das Buch ist eine Wucht! Und das bezieht sich nicht nur auf sein Format oder sein Gewicht. Immerhin misst es stolze 235 mal 275 mm und wiegt fast drei Kilo. Wir haben es mit einem echten Schmuckstück zu tun – innen wie außen. Entfernt man den Schutzumschlag aus starkem Karton, entpuppt sich dieser als Plakat mit dem Motiv eines Wandmosaiks. Und darunter kommt ein roter Einband mit Goldlettern zum Vorschein. Ebenso opulent geht es im Innern des Buches weiter: Mehr als 1.400 kundig zusammengestellte Abbildungen in bester Grafik zeugen von ebensoviel Fleiß wie Sachkenntnis des Autors von »Die Ästhetik der Platte. Wohnungsbau in der Sowjetunion zwischen Stalin und Glasnost«. Der Berliner Architekt Philipp Meuser hat für seine Studie zahlreiche bisher unveröffentlichte Foto- und Textdokumente in Archiven auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR aufgespürt.

 

Er widmet sich dem industriell vorgefertigten seriellen Wohnungsbau in der Sowjetunion im Zeitraum 1955 bis 1991. Statt auf die Ikonen der Sowjetarchitektur richtet er den Blick auf die Bauten, die für mehr als 170 Millionen Menschen zum Alltagsleben gehörten – und bis heute das Erscheinungsbild vieler Städte zwischen Kaliningrad und Wladiwostok prägen.

Begonnen hatte der Siegeszug der Platte mit Nikita Chruschtschow. Im Dezember 1954 machte er Schluss mit dem Neoklassizismus der Stalin-Ära und leitete einen Paradigmenwechsel im Wohnungsbau ein. Qualität und Kostensenkung waren die Schlagworte seines Bauprogramms, von dem er betonte: »Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es nur einen Weg: die umfassende Industrialisierung des Bauwesens.« Die Aufgabe war immens, schließlich wurde die Wohnungsnot mit dem Tod Josef Stalins noch verschärft, da Millionen ehemaliger Gefangene aus dem Gulag ein Dach über dem Kopf suchten.

 

Mit seinem ehrgeizigen Programm nahm Chruschtschow den gesamten Wohnungsbau des flächenmäßig größten Landes der Erde in staatliche Hände. Projektinstitute planten die Bauten, Kombinate realisierten sie. Die vier- bis fünfgeschossigen Wohnungsbauten in Großblockbauweise erhielten bei der Bevölkerung den Spitznamen »Chruschtschowki«. Von einer Einheitsplatte kann dabei nicht die Rede sein. Man entwickelte Wohnungsbauserien für verschiedene Klimazonen und Varianten für geologische Sonderfälle wie erdbebengefährdete Regionen. So wurde die Platte sowjetischen Vorbilds auch in anderen Ländern – von Kuba bis Nordkorea – zum Erfolgsmodell. In Mittel- und Osteuropa schuf man eigene Serien nach sowjetischem Muster. Auch in der DDR waren 75 Prozent des Wohnungsbaus industriell vorgefertigt.

Meuser hat für seine Untersuchung Moskau, Leningrad (das heutige Petersburg) und Taschkent als Beispiele ausgewählt. Die zuletzt genannte Stadt spielt eine Sonderrolle, da sie 1966 bei einem Erdbeben schwer beschädigt wurde. Mit der Hilfe von Planern und Baukombinaten aus allen 15 Teilrepubliken wurde sie als sozialistische Musterstadt neu errichtet.

 

Meuser gliedert sein Buch in drei Teile: Der erste ist den soziokulturellen Verbindungen zwischen den Debatten der frühen Moderne und den Anfängen des industriellen Bauens gewidmet. Im zweiten Teil stehen die bautechnischen und gebäudekundlichen Entwicklungen von Chruschtschow bis zum Ende der Sowjetunion im Mittelpunkt. Hier geht es um den Modernisierungsschub in den 1950er Jahren, der die Grundlage für das größte Wohnungsbauprogramm der modernen Architekturgeschichte war. Im dritten Teil widmet er sich der Definition von typologischen und funktionellen Parametern zur Identifikation serieller Wohnungsbautypen und wendet diese am Beispiel der drei Städte an.

Dem Charakter einer wissenschaftlichen Arbeit ist geschuldet, dass die Texte für Nichtfachleute teils sperrig geschrieben sind und es mitunter auch zu kleineren Redundanzen kommt. Dennoch ist das Buch (allein schon durch sein Fotomaterial) nicht nur für Architekten und Bauhistoriker interessant, sondern für alle, die einen intensiveren Blick in ein bedeutendes Stück Alltagshistorie des 20. Jahrhunderts werfen wollen.

 

Philipp Meuser: Die Ästhetik der Platte. Wohnungsbau in der Sowjetunion zwischen Stalin und Glasnost. DOM Publishers, Berlin 2015, 728 Seiten, 98 Euro

 

Veröffentlicht in: Junge Welt, Feuilleton, 7.1.2016

 

Galina Balaschowa – die Weltraumarchitektin

Kaum jemand kennt Galina Balaschowa, obwohl sie Geschichte schrieb. Als Architektin – und einzige Frau weit und breit – prägte sie gleich fünf Weltraum-Missionen der Sowjetunion entscheidend mit. Der Verlag DOM publishers aus Köln widmete ihrem einzigartigen Schaffen nun ein Buch.

  

Gemütlichkeit gehört nicht unbedingt zu den Attributen, die man Raumschiffen oder Raumstationen  zuschreiben würde. Eher denkt man an viel Technik und wenig Platz – und das alles unter den  Bedingungen der Schwerelosigkeit. Doch die Architektin Galina Balaschowa, bis vor wenigen Jahren noch in ihrer russischen Heimat wie auch im Ausland gänzlich unbekannt, sorgte über viele Jahre hinweg dafür, dass sowjetische Kosmonauten ein wenig Behaglichkeit im All fanden. 26 Jahre lang entwickelte sie gemeinsam mit ihren männlichen Ingenieurkollegen Weltraumkapseln,- fähren und -stationen und sorgte dafür, dass nicht nur reine Funktionalität, sondern tatsächlich auch so etwas wie ein „Wohlfühlfaktor“ deren Innenraumgestaltung mit bestimmte.

 

Dabei hatte nichts bei ihrem Abschluss als Absolventin des Instituts für Architektur in Moskau im Jahr 1955 darauf hingedeutet, dass sie später den Fokus auf das All richten würde. Allein ihre Hochzeit mit ihrem Studienkollegen, dem Physiker Juri Balaschow, sorgte dafür, dass die junge Architektin ihm 1957 zum OKB-1, dem geheimen sowjetischen Weltraumprogramm, nach Koroljov folgte. Auch Balaschowa durfte dort mitarbeiten, allerdings zunächst mit fester Bodenhaftung: Behausungen für die Mitarbeiter und deren Familien standen bei ihr auf dem Programm.

 

Doch nach dem Weltraumflug von Juri Gagarin 1961 begann man mit der Planung für weitere bemannte Flüge und auf der Suche nach Gestaltungsideen trat man schließlich an die Architektin heran. Balaschowa machte sich an einem Wochenende ans Werk und fertigte die ersten Skizzen und Pläne, die sie dann zu den für sie typischen dreidimensionalen Aquarellen ausarbeitete.

Ihre Arbeiten fanden Gefallen, denn sie verstand es darin, die Anforderungen der Technik mit einem ausgewogenen, menschlichen Design zu verbinden. „Das ist die Aufgabe des Architekten: die Raumkapsel gemütlich zu machen“, meinte Balaschowa selbst dazu.

 

Architektur für die Kosmonautik wurde ab 1963 so zu ihrem Spezialgebiet, bei dem sie fast alles, was das Fachgebiet bislang für sie ausmachte – so etwa ein festes Fundament – über Bord werfen musste. Doch es gelang ihr, die speziellen Gegebenheiten einer Architektur ohne ein festes Oben und Unten und angesichts eines Interieurs, das sich mitsamt den Bewohnern in der Schwerelosigkeit gerne selbständig macht, bei ihren Planungen adäquat umzusetzen. So sorgte sie etwa mit unterschiedlichen Materialien sowie einem einfachen, aber ausgeklügelten Farbeschema dafür, dass sich bei den Kosmonauten ein Gefühl für Boden (grün), Wände (gelb/cremefarben)und Decke (grau) einstellen konnte.

 

Auch ein Sofa fand dank Balaschowa im Wohnbereich, dem sogenannten „Salon“ der Sojus seinen Platz, auf dem die Kosmonauten nach anfänglichen Schwierigkeiten dank Klettstreifen an den Hosen tatsächlich sitzen konnten. Großen Wert legte sie bei ihrer Arbeit darauf, die Erfahrungen und Anregungen der Kosmonauten zu berücksichtigen, um weitere Verbesserungen zu realisieren: „Wie sonst hätte ich meine Entwürfe optimieren können?“

So ist sie auch heute noch stolz darauf, wie neidisch die US-Astronauten waren, als sie zum ersten Mal zur ISS kamen. „Die Apollo war eher technisch-funktional eingerichtet, sie hatte nicht einmal einen Salon … Bei den Amerikanern hat sich wahrscheinlich keine Frau mit der Innenarchitektur beschäftigt“. Dennoch profitierten auch die amerikanischen Astronauten indirekt von ihrem Können, entsprechen Cockpit und Wohnbereich der ISS doch weitgehend ihrem Entwurf für die MIR, sodass ihr Farbkonzept dort bis heute seine Anwendung findet.

Allein das Problem, sich mehr auf einem Staubsauger sitzend als auf einer Toilette zu fühlen, über das sich die Besatzungen nach ihren Reisen beklagten, konnte Balaschowa zu ihrem Verdruss trotz aller Bemühungen nur minimieren, jedoch nie gänzlich beheben…

 

Aber nicht nur die Gestaltung der erfolgreichen Projekte wie Woschod, Sojus, MIR oder Buran oblag Balaschowas planerischem Geist. Auch das Design des Mondschiffs der Sowjetunion, das nach erfolgreicher Mondlandung der NASA auf Eis gelegt wurde, entsprang ihrer Feder – oder besser gesagt, ihrem Wasserfarbkasten. Balaschowa blieb ihrem Prinzip treu, ihre Entwürfe nach ersten Skizzen als Aquarelle umzusetzen. Deren Originale unterlagen strikter Geheimhaltung, ebenso wie das Design für die Medaillen und Briefmarken des Apollo-Sojus-Gemeinschaftsprojekts 1975.  

 

So arbeitete Balaschowa mehr als zweieinhalb Jahrzehnte, ohne dass die Öffentlichkeit Notiz von ihr nahm, noch dazu für einen kargen Lohn. Während die männlichen Ingenieure regelmäßig Gehaltserhöhungen bekamen, verharrte die Architektin trotz ihrer prominenten Funktion auf derselben Gehaltsstufe. Allein ihrem Nebenerwerb, der Aquarellmalerei, verdankte sie ein einträgliches Auskommen – und auch heute noch malt die seit 1990 im Ruhestand lebende alte Dame, um ihr Einkommen aufzubessern. Dennoch hat sich keine Frustration bei ihr breit gemacht – im Gegenteil: „Ich liebe meinen Beruf, an dem mich das Streben nach Harmonie und dem richtigen Maß fasziniert. Kurz gesagt, das Weltall hat mich nie so gereizt wie die Architektur“, so das Fazit der mittlerweile 84jährigen.

 

Dass nun die Weltöffentlichkeit späte Notiz von ihr genommen hat, ist dem Umstand zu verdanken, dass sie seit der Pensionierung offen über ihre Arbeit sprechen darf. Und auch die Ausstellung „Outer Space“, die bis Februar dieses Jahres in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen war, hatte Anteil daran, dort präsentierte man erstmalig einem internaztionalen Publikum von ihr vor Ort handkolorierte Entwurfszeichnungen.

Der Verlag Dom publishers in Köln widmete ihr nun eine wunderbar gestaltete Monografie in goldenem Softcover, die umfassend über ihr Leben und ihre Arbeit berichtet und mit mehr als 180 farbigen Abbildungen ihrer Aquarelle aufwartet. Ein interessantes und kurzweiliges Lesevergnügen – nicht nur für Weltraumfans und architektonisch Interessierte, sondern für alle, die ein Interesse an ungewöhnlichen Biografien haben.   

 

Philipp Meuser (Hg.): Galina Balaschowa. Architektin des sowjetischen Raumfahrtprogramms
Band 33 der Reihe Grundlagen, 160 S., 189 Abb., ISBN 978-3-86922-345-2, Oktober 2014, 28,00 Euro   

 

Der Artikel wurde, leicht gekürzt, am 15.05.2015 in der Jugen Welt veröffentlicht.

Familie zweiter Klasse

 

»Single Moms«: Bonner Frauenmuseum zeigt Lebenswelten Alleinerziehender in Geschichte und Gegenwart – hierzulande und in vielen Teilen der Welt

 

»Es war immer ein Kampf«, beschreibt Farnaz ihre Zeit als alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Und dabei hat sie geschafft, was nicht vielen in ihrer Situation gelingt: Sie hat neben der Kinderbetreuung ihr Studium gemeistert und danach mit einer guten Vollzeitstelle für ihren Sohn gesorgt. Farnaz hatte es besonders schwer in Deutschland: »Man ist Ausländerin und alleinerziehende Mutter. Ich denke, das ist das schwächste Glied dieser Gesellschaft«, so das Fazit der aus dem Iran stammenden Wirtschaftswissenschaftlerin. Doch auch die anderen rund 1,4 Millionen Alleinerziehenden hierzulande – 90 Prozent von ihnen sind Frauen – sind nicht auf Rosen gebettet. Sie sehen sich immer noch als »Familie zweiter Klasse«, obwohl mittlerweile fast jede fünfte Frau in Deutschland ein oder mehrere Kinder allein großzieht. Doppelte Verantwortung – halber Lohn, so läßt sich ihre tägliche Misere beschreiben. Rund 40 Prozent der Alleinerziehenden sind auf Hartz IV angewiesen.

Dieser brisanten gesellschaftlichen Situation nimmt sich das Bonner Frauen­museum in seiner aktuellen Schau unter dem Titel »Single Moms« an. Noch bis zum 9. November thematisiert die umfangreiche Ausstellung die Lebenswelten Alleinerziehender. Gegliedert ist sie in drei große inhaltliche Blö>Ausstellung »Single Moms. Alleinerziehende Mütter und ihre Lebenswelt«, bis 9. November. Di–Sa 14–18 Uhr, So 11–18 Uhr, im Frauenmuseum Bonn, Im Krausfeld 10

www.frauenmuseum.de

 

Veröffentlicht in: Junge Welt, Feminismus 15.08.2014

Hella Grosse, Hererofrauen, Frauenmuseum Bonn

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