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Existentialistisches Getier – META BENE

Fragt ein Pinguin den anderen: „Was ist Ihr nächstes berufliches Ziel?“. Und der antwortet: „Freitag“. Oder ein Vögelchen auf einem Ast stellt fest „Selbstdisziplin ist innere Diktatur!“
Cartoons wie diese beiden sind typisch für Robin Thiesmeyer, dessen amüsante Tuschezeichnungen bereits seit 2013 über eine stetig wachsende Fangemeinde im Internet verfügen. Nun liegen die tiefsinnigen, philosophischen und manchmal auch einfach nur albernen Miniaturen endlich in Buchform vor: Da tummeln sich melancholische Pinguine neben abenteuerlustigen Schnecken, frechen Antilopen und selbstbewussten Fischen, dass es einfach eine Freude ist. Oft verblüffend, mitunter nachdenklich machend und auf jeden Fall superlustig und herzerwärmend kann man sich unter dem Titel „Es gibt mehr Sterne als Idioten“ auf über 96 Seiten mit minimalistischen Zeichnungen und Minidialogen/-Monologen rund um Arbeit, Beziehungen und das Leben an sich freuen.
Wer sich erst einmal einen Eindruck verschaffen möchte, kann vorab auf
www.metabene.de vorbeischauen. Doch Achtung: Einmal angefixt, will man auf jeden Fall mehr! 

Robin Thiesmeyer + META BENE: Es gibt mehr Sterne als Idioten, Fischer Verlag 2016, 96 S. 14,99 Euro, ISBN: 978-3-596-03456-7
 

Schnüss Stadtmagazin bonn, Juli 2016

 

 

Tannie Marias Rezepte für Liebe und Mord

Ein Buch wie ein leckerer Schokokuchen – man will einfach nicht aufhören…

Mona Grosche
 

Irgendwie klingt „Cosy Krimi“ immer ein bisschen abschätzig. Doch wenn Tannie Maria eine reale Person wäre, würde sie den Begriff wohl durchaus zu würdigen wissen. Denn Tannie Maria ist „cosy“! Ihr Ziel ist es, den Menschen das Leben ein bisschen schöner, einfacher und schmackhafter zu machen. Die Hauptfigur im Erstlingswerk der südafrikanische Autorin Sally Andrew ist nämlich in der kleinen Provinzzeitung „Karoo Gazette“ für Rezepte zuständig: Und zwar sowohl für Kochrezepte aus der vielseitigen südafrikanischen Küche wie auch für solche, mit denen man seine zwischenmenschlichen Beziehungen leichter machen kann. – So erhält jeder, der ihr schreibt, einen guten Ratschlag für ein Problem und gleich die Anleitung zum passenden Essen dazu.

Schließlich kocht, backt und isst Tannie Maria eigentlich immer, wenn sie in ihrem Haus in der südafrikanischen Halbwüste Klein Karoo ist. Da gibt es leckere Koeksisters, Bobotie oder Lammcurry und schon beim Lesen läuft einem bei der Beschreibung der Zubereitung das Wasser im Munde zusammen. Und wenn Tannie Maria dann auf ihrer schattigen „Stoep“, also der Veranda, sitzt und ihren göttlichen Schokoladenkuchen verspeist, möchte man nichts lieber, als dort zu sitzen, den Hühnern Mais zuwerfen, den Wildtieren lauschen und den Blick auf die Berge am Horizont schweifen lassen.

Doch auch wenn die Atmosphäre einlädt, sich in Fernweh und Sehnsucht nach gutem Essen zu ergehen, ist die abgelegene Provinz kein heimeliges Paradies, sondern ein Ort mit unterschwelligen Konflikten, von denen auch Maria selbst nicht verschont bleibt. Schließlich war sie jahrzehntelang in einer lieblosen Ehe mit einem gewalttätigen Mann gefangen und konnte sich, auch durch die strengen Moralvorstellungen ihrer niederländisch-reformierten Kirchengemeinde, daraus nicht selbst befreien. Nun ist sie zwar Witwe und lebt ein friedliches Leben ohne Prügelattacken. Aber auch als Ratgeberin der Gazette wird sie mit dem allgegenwärtigen Problem der häuslichen Gewalt konfrontiert. Immerhin wird jede vierte Frau in Südafrika von ihrem Mann verprügelt. So erhält sie den Brief einer verzweifelten Frau, die sich vor ihrem aggressiven Mann fürchtet und vor ihm fliehen will, um mit ihrer Freundin zusammen zu sein. Auch hier versucht Maria, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen – doch vergebens: Martine wird ermordet aufgefunden und die Polizei verdächtigt sowohl deren Ehemann Dirk wie auch ihre Freundin Anna.

Dass beide unschuldig sind, wird Tannie Maria und ihrer jungen Kollegin Jessie aus der Redaktion schon bald klar, zumal auch noch ein zweiter Mord passiert. Sie machen sich - zum Unwillen der lokalen Polizei - auf eigene Faust an die Recherche. Dabei stoßen sie nicht nur auf alltägliche Probleme von Hass, Gewalt und Rassismus und auf Adventisten, die das Ende der Welt erwarten, sondern auch auf eine ernste Bedrohung der Region mit ihrem diffizilen ökologischen Gleichgewicht durch Fracking. Und so stellt sich die Frage nach dem Mörder und seinem Motiv völlig neu…

Mit viel Liebe zum Detail und großer Empathie für ihre Figuren lässt uns Sally Andrew mit Tannie Maria, Jessie und Chefredakteurin Hattie auf die Pirsch gehen – allesamt patente Frauen aus Südafrika, die sich trotz Unterschiede in Alter und ethnischer Herkunft ganz wunderbar verstehen. Wunderbar an ihnen ist auch, dass sie nicht wie manche (us-amerikanischen) Krimheldinnen auf Dauerdiät sind und sich allenfalls von Salat ernähren, sondern Beskuits und Schokokuchen verdrücken und ihnen als Sport genügt, im Garten Unkraut zu jäten. Sie sind auch erfrischender Weise nicht dauernd im Einsatz, sondern machen auch mal Pause. Und auch die Liebe spielt bei ihnen eine Rolle, die  von realistischen Problemen wie Übergewicht, Eifersucht und Erinnerungen an frühere Partner beeinflusst wird.

Wer also Krimis mag, deren Helden sich wie „normale Menschen“ benehmen, deren Story ohne viel Action und Blut auskommt, und die dabei frei von Kitsch und Sozialromantik noch ein wenig Lokalkolorit aus einer fremden Kultur vermitteln, dem sei Tannie Maria ans Herz gelegt. Übrigens: Einige der Rezepte der Kalorienbomben wie Melktart und Vetkoeken sind hinten zum Nachkochen im Buch versammelt.


Sally Andrew: Tannie Marias Rezepte für Liebe und Mord, Atrium Januar 2016, 480 S. 19,99 Euro  

 

Gekürzte Veröffentlichung in: Junge Welt 31.03.2016

 

Kleider machen Leute

 

Barcelona 1952: Zum eucharistischen Weltkongress erwartet die Stadt für einige Tage 300 Bischöfe und 15.000 Priester aus aller Herren Länder. Endlich mal wieder ein Ereignis, dass Glanz und internationales Flair in das von der Franco-Diktatur gebeutelte Land bringen wird! Nicht nur die Stadtverwaltung müht sich redlich, die Infrastruktur zu verbessern und alles auf Hochglanz zu bringen. Auch die Gläubigen  sind gefragt, denn es gibt nicht genug Hotelbetten für die Gäste. Natürlich kann da Tante Conchita, dank des Reichtums ihres Mannes die ungekrönte Königin ihres Familienclans, nicht „nein“ sagen und erteilt der Familie genaue Anweisungen für die Tage als Gastgeber eines „Hochwürden“.

Umso größer ist der Frust, als dann der Gast auftaucht: Bischof Fulgencio Putucás kommt aus einem kleinen mittelamerikanischen Staat und wirkt weder würdevoll noch besonders christlich. Doch es kommt noch schlimmer: Ein Putsch in seiner Heimat vereitelt die Rückreise – und auch die Kirche kümmert sich nicht um ihn. Also landet er bei Conchitas alkoholkrankem Bruder, wo er in kürzester Zeit „Fulgencio“ wird, der im Haushalt hilft und auf Sauftour mit dem Gastgeber geht. Schließlich verschwindet er ganz, bis nach Jahren anlässlich eines neuen Staatsstreiches die Rückkehr in sein Land ansteht. Doch auch das bringt noch einige Überraschungen mit sich...

 

Das Grundthema von „Der Walfisch“ ist eine wenig überraschende Abwandlung des Motivs „Kleider machen Leute“. Dennoch vermag es Mendoza, einer vergleichsweise einfach gestrickten Geschichte Leben einzuhauchen. Seine feine Ironie bringt Tragik und Komik einträchtig zusammen und so ist dies zwar keines seiner stärksten Werke. Aber auch mit schwächeren Texten ist er besser als der literarische Durchschnitt.

 

Eduardo Mendoza: Der Walfisch, (Übers. Stefanie Gerhold), Nagel & Kimche 2015, 128 S., 16,90 Euro

 

Schnüss Stadtmagazin Bonn, Dezember 2015

 

Die Literatur als Rettung

Kader Abdolah erzählt vom Überleben eines Flüchtlings in der Fremde

 

Der Protagonist in Kader Abdolahs Erzählung »Die Krähe« wächst im Iran heran, in einer Stadt und einem familiären Umfeld, die von den künstlerischen Traditionen des alten Persien geprägt sind. Doch wirft die Politik bereits früh ihren Schatten über Refiq Foads Leben in Isfahan.

Er wird an jenem Tag im Jahr 1953 geboren, als die CIA gegen den demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Mossadegh putscht und dem Schah wieder zur Macht verhilft.

Der angehende Autor Foad, der seine Texte illegal veröffentlichen muss, sieht die Notwendigkeit, politisch aktiv zu werden. Doch als die islamische Revolution zum Sieg gelangt, erlebt die an der Sowjetunion orientierte Linke eine herbe Enttäuschung: Das neue Regime verfolgt seine bisherigen Verbündeten mit ebenso großer Grausamkeit wie zuvor der Schah.
Foad muss ohne seine Familie ins Ausland fliehen. Einsamkeit und Trauer prägen seinen zweijährigen Aufenthalt in der Türkei. Eingezwängt in den Laderaum eines LKWs gelangt er in die Niederlande. Dort schlägt er sich zunächst mit Fließbandarbeit durch, bis er es schließlich schafft, einen eigenen Kaffeeladen zu eröffnen. Seine alte Passion, das Schreiben, gibt er nicht auf. Er widmet sich der Lektüre der niederländischen Literatur und fängt schließlich an, in der Sprache seines Gastlandes zu schreiben.

Die Erzählung verdeutlicht, dass Literatur ein Mittel sein kann, um in der Fremde zu überleben.

Der seit vielen Jahren in der Nähe von Amsterdam lebende Exil-Iraner Kader Abdolah schreibt auf niederländisch. In seiner zweiten Heimat ist der Autor ein Bestsellerautor. Sein Name ist ein Pseudonym, das an zwei ermordete Freunde aus dem Iran erinnert.

 
Kader Abdolah: Die Krähe. Arche Literatur Verlag, Zürich 2015, 127 Seiten, 12 Euro

Junge Welt,13.08.2015

 

Traumatische KIndheit

Sensible Psychogramme mit erzählerisch kunstvollen Spannungsbögen: Margaret Forster gehört zur Crème de la Crème der britischen Literatur. Auch in ihrem jüngsten Roman steht das Schicksal einer Frau im Mittelpunkt und man hält einen echten „Pageturner“ in Händen – und dass, obwohl die Protagonistin nicht gerade zur Sympathieträgerin taugt.

 

Es geht um Julia, die als Psychologin mit verhaltensauffälligen Kindern arbeitet. In zahlreichen Episoden erhalten wir Einblick in ihre Arbeit und ihre Gefühlswelt als Erwachsene. Auf einet anderen Erzählebene tauchen wir in Julias Vergangenheit ein, in eine Kindheit, die sie bis heute prägt und in den sozialen Beziehungen außerhalb des Berufes stets scheitern lässt. Schaut man sich ihre Jugend an, wundert dies wenig: Julia wächst bei der frustrierten Mutter heran, die das Leben als Alleinerziehende dadurch zu meistern versucht, dass sie das Verlassenwerden durch den Vater mit Disziplin und Emotionslosigkeit kompensiert.

 

Die oberste Regel für Julia lautet: Keine Fragen stellen, und schon gar nicht über Gefühle reden. So auch, als ihre Cousine Iris die Achtjährige zu ihrer Brautjungfer macht. Was für Julias Mutter eine lästige Pflicht ist, wirkt wie ein Wendepunkt auf das Mädchen. Doch dieser kommt in Wirklichkeit erst später – und anders als sie denkt.

 

Während einer heimlichen Ausfahrt kippt ihr der Kinderwagen mit Iris‘ Baby um. Und als das Kind nur wenig darauf ohne ersichtliche Ursache stirbt, fühlt sie sich unendlich schuldig. Julia bleibt aber allein mit dem dunklen Geheimnis. Rat und Hilfe gibt es nicht und so suchen sich die angestauten Emotionen ein Ventil in Gemeinheit und Intrigen. Umso mehr kann sie als Erwachsene ihre kleinen Patienten verstehen und ihnen helfen, während sie selbst trotz psychologischen Fachwissens emotional weitgehend auf der Strecke bleibt.  

 

Margaret Forster: Das dunkle Kind, (übersetzt von Saskia Bontjes van Beek), Arche Literatur Verlag, März 2014, 320 S.  22,95 Euro

 

Neues Deutschland, 26.03.2015

Zurück ins Licht

 

Nicht nur Männer wie Hollaender und Reutter prägten das Kabarett von 1901 bis 1935 in Deutschland. Evelin Förster würdigt vergessene Autorinnen und Komponistinnen

 

Mona Grosche

Frauen mit Bubikopf und laszivem Augenaufschlag, die in kurzen Kleidern frivole Chansons zum Besten geben: So stellt man sich Künstlerinnen der Kabaretts der »wilden 20er« vor. Doch Frauen standen Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur mit neuem Selbstbewußtsein im Rampenlicht von Kleinkunstbühnen, Theatern und Filmstudios. Was heute kaum noch jemand weiß: Auch hinter den Kulissen waren sie als Autorinnen und Komponistinnen aktiv.

Daß einige dieser Frauen nun aus dem Dunkel des Vergessens wieder auftauchen, ist der Fleißarbeit der aus Thüringen stammenden Sängerin, Tänzerin und Dozentin Evelin Förster zu verdanken, die in ihrem Buch »Die Frau im Dunkeln« die Ergebnisse langjähriger intensiver Recherchen zu weiblichen Kulturschaffenden im beginnenden 20. Jahrhundert präsentiert. Unter rund 120 Künstlerinnen, auf die sie stieß, wählte sie 19 aus, deren Biographien und Werkverzeichnisse den Kern ihres Buches ausmachen.

Darunter finden sich Größen wie Erika Mann, Else Lasker-Schüler oder Valeska Gert, aber auch weniger bekannte Namen wie Marita Gründgens (die kleine Schwester von Gustav Gründgens) oder Senta Söneland, die seinerzeit als Berlins »urwüchsigste Komikerin« nicht nur Kurt Tucholsky begeisterte. Nicht wegzudenken aus einer solchen »Sammlung« ist Claire Waldoff, die über das neue Rollenverständnis der Frauen sang: »Wenn ein Mädchen sich zu Hause jarnicht rühren kann, ist sie schlimmer als Napoleon auf Elba dran…«

Doch kaum jemand weiß, daß die berühmte Sängerin mit der Berliner Schnauze die Musik zum Chanson »Das moderne Mädchen« und zu anderen Titeln selbst geschrieben hat. Denn Frauen wurden in den Anfängen des deutschen Kabaretts fast nur als Interpretinnen wahrgenommen. Feste Rollenmuster der wilhelminischen Zeit verboten es »anständigen« Frauen, an Orten wie diesen zu verweilen – oder gar beim »Tingeltangel« ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dennoch setzten sich Anfang des 20. Jahrhunderts immer mehr »moderne Mädchen« über tradierte Rollenmuster hinweg und suchten ihr Glück in der Metropole Berlin.

Wie Waldoff fühlten sich viele »geschaffen für die Stadt«, in der sie aus Konventionen ausbrechen konnten, um am blühenden Kulturleben als Dichterinnen, Komponistinnen, Drehbuchautorinnen teilzuhaben. Doch selbst im für die Zeit freigeistigen Boheme-Milieu war dies für Frauen nicht einfach, weshalb einige von ihnen männliche oder zumindest zweideutige Pseudonyme nutzten. So etwa Eddy Beuth. Hinter diesem Namen verbirgt sich Marie Cohn, eine Autorin jüdischer Herkunft. Sie schrieb u.a. Drehbücher für experimentelle Stummfilme und Texte für Chansons – und für die Operette »Die Frau im Dunkeln« von Rudolf Nelson. Doch trotz ihres männlich klingenden Pseudonyms wurde sie in den zeitgenössischen Kritiken kaum erwähnt.

Förster stieß durch Zufall auf den Namen – und wollte mehr über den oder die geheimnisvolle Eddy wissen. So begann ein wissenschaftliches Großprojekt: Je mehr Förster recherchierte, desto mehr entdeckte sie an Wissens- und Hörenswertem über Künstlerinnen, deren Schaffen die Nazis gründlich aus dem kulturellen Gedächtnis getilgt hatten. Wie ihre männlichen Kollegen hatten sie ab 1933 ihre Arbeit einstellen müssen. Viele von ihnen konnten nie wieder an alte Erfolge anknüpfen. Andere emigrierten wie Erika Mann oder wählten wie Eddy Beuth den Freitod. Sie schied 1938 gemeinsam mit ihrer Schwester aus dem Leben.

Über all diese mutigen, gescheiten und lebensbejahenden Frauen kann man nun in Försters unterhaltsamem Buch mehr erfahren. Reich bebildert und wunderschön mit Plakaten, Zeichnungen und Liedtexten ausgestattet, bietet es neben den Biographien und Werkverzeichnissen eine lesenswerte Einführung in die Berliner (Kabarett-)Kultur, Kurzbiographien weiterer Künstlerinnen und Künstler sowie ein Spielstättenverzeichnis des damaligen Berlins.

Dem Engagement der Autorin ist es zu verdanken, daß diese Frauen wieder ein Gesicht bekommen haben und eine wichtige Lücke in der Kulturgeschichte geschlossen wurde. Man darf gespannt sein, was ihr Forscherinnendrang noch zutage fördern wird. Bereits jetzt bilden ein Hörbuch mit Chansons, eine Notensammlung sowie ein Bühnenprogramm weitere Eckpunkte der Försterschen Arbeit.

Evelin Förster: Die Frau im Dunkeln - Autorinnen und Komponistinnen des Kabaretts und der Unterhaltung von 1901 bis 1935/Eine Kulturgeschichte. Edition Braus, Berlin 2013, 416 Seiten, 34,95 Euro * Mit Textbeiträgen von Anja Köhler und Jörg Engelhardt

 

Junge Welt, 3.1.2014
 

Verbannung als Chance

Renato Baretic entführt uns auf eine entlegene Adria-Insel

Mona Grosche


»Zuerst kommt Erstchen, und dann, wenn Sie in Zweitchen anlegen, wartet ein gewisser Toni auf Sie. Er fährt Sie mit einem Boot nach Drittchen!« Niederschmetternder könnte die Botschaft nicht sein, die der Politiker Siniša an einem öden Regentag erhält. Mit nur vier Taschen seiner Habe soll er zwei Jahre auf der am weitesten von der Küste entfernten Insel Dalmatiens bleiben. Dort gilt es zu vollbringen, woran bereits sieben Vorgänger in den letzten zehn Jahren scheiterten: lokale Wahlen abhalten und eine Verwaltung errichten.

Bei allem Verdruss kann Siniša die Schuld hierfür nur bei sich selbst suchen. Persönliche Dummheit ließ ihn zur »Persona non grata« werden, denn ein von ihm produzierter Skandal bescherte seiner Partei hohe Verluste bei den Zagreber Kommunalwahlen.

Die einzige Chance auf ein politisches Comeback ist, den Auftrag zu erfüllen. Kampfbereit tritt er also die Reise auf die Insel in der Überzeugung an, in wenigen Monaten Erfolge vorweisen zu können. Doch bereits auf der schier endlosen Überfahrt gerät er angesichts des unverständlichen Dialekts der Mitreisenden und des Skippers Tonino in erste Zweifel am Gelingen der Mission. Und es kommt noch schlimmer: »Drittchen« verfügt weder über eine telefonische Verbindung zur Außenwelt noch über Internet. Strom wird durch Solarzellen erzeugt, die neuesten elektrischen Geräte schafft man aus dem nahen Italien herbei, das auch den skurrilen Dialekt mit geprägt hat. Die Sprache auf der Insel ist aber auch vom Englischen beeinflusst, leben doch fast nur Menschen dort, die einst als Bergleute in Aus-tralien arbeiteten und nun den Lebensabend in der alten Heimat verbringen.


An jüngeren Männern gibt es Tonino, der auch als Übersetzer fungiert, sowie den Bosnier Samir, der sich vor der Mafia versteckt. Die einzige junge Frau ist Zehra, eine bosnische Porno-Darstellerin. Doch egal ob jung oder alt, keiner will etwas mit der Korruption und den politischen Intrigen des Festlands zu tun haben, führt man doch ein unabhängiges, idyllisches Leben. Auch Siniša lernt zunehmend die Abgeschiedenheit zu schätzen und erkennt die wichtigen Dinge des Lebens …

Bereits auf den ersten Seiten zieht Renato Baretić den Leser mit der heiter-satirischen Sprache des Romans »Der achte Beauftragte« in seinen Bann. Alida Bremer hat sie hervorragend ins Deutsche gebracht. Mit fünf Preisen ausgezeichnet begründete der Roman die literarische Karriere Renato Baretićs in Kroatien, wo er seit 2003 zu den beliebtesten zeitgenössischen Autoren gehört.


Es verwundert nicht, dass mehrere seiner Werke zu Bestsellern wurden, da er scheinbar mühelos ernste gesellschaftliche Probleme in ironisch-augenzwinkernde Geschichten fasst, die mit ihren starken Charakteren und intelligenten Wendungen ein ungetrübtes Lesevergnügen bereiten.

Renato Baretić: Der achte Beauftragte. Roman. A. d. Kroat. v. Alida Bremer. Dittrich. 320 S., geb., 19,80 €.


URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/815547.verbannung-als-chance.html



Neues Deutschland, 13.3.2013

Verkaufte Bräute

 

Mona Grosche

 

Ein ganz besonderes Buch ist der Roman ›Wovon wir träumten‹ der amerikanischen Autorin Julie Otsuka. Darin erzählt sie die Geschichte der japanischen Frauen, die 1919 als »Picture Brides« in die USA kamen, um dort zu heiraten. Die Männer, die ihnen dort ein besseres Leben versprochen haben, kennen sie nur von Fotos. Dennoch machen sie sich auf den weiten Weg, um in einer Welt zu leben, wie sie kaum fremder sein konnte.


Doch schon bei der Ankunft erleben sie eine herbe Enttäuschung. Die Fotos waren alte Aufnahmen und die vorgeblichen angesehenen Geschäftsmänner entpuppen sich als Wanderarbeiter, Farmer oder Gärtner. Doch den Frauen bleibt nur, sich ins Schicksal zu fügen, denn schlimmer noch wäre die Rückkehr in Schande. Gewohnt nicht aufzubegehren, machen sie sich mit Zähigkeit daran, ihr Leben zu meistern. Sie schuften auf den Feldern, arbeiten als Hausmädchen und gebären Kinder, die sich zusehends zu Amerikanern entwickeln. Als sie glauben, endlich angekommen zu sein, geschieht Unfassbares: Mit dem Angriff auf Pearl Harbor geraten alle Japaner ins Visier der Behörden und verschwinden in Internierungslager…

 

Zartfühlend und wohlkomponiert kommt Otsukas kleines Büchlein daher, für das sie 2012 den PEN/Faulkner Award erhielt. Darin gelingt ihr die Meisterleistung, allen üblichen Erzähltechniken zum Trotz: Sie erzählt kein Einzelschicksal, es gibt keine Protagonistinnen. Vielmehr lässt sie die Frauen gemeinsam in „Wir“-Form von ihrem Schicksal erzählen. Dass sie dabei nicht zu einer gesichtslosen Masse verkommen, sondern in ihrer Individualität beleuchtet werden, ist der erzählerischen Virtuosität der Autorin zu verdanken. So packt einen dieses leise Buch vom ersten Satz an mit Szenen voller Wut, Trauer, Hoffnung und Freude. Ein intensives Leseerlebnis, das es in seiner Tiefe mit Steinbecks ؓ›Früchten des Zorns‹ aufnimmt.

 

Julie Otsuka: Wovon wir träumten, Mare 2012,978-3866481794, 18 Euro


Schnüss Stadtmagazin Bonn, Februar 2013


 



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