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Ein Vierteljahrhundert Protest im Bankenviertel

Die Ordensleute für den Frieden sind der festen Überzeugung, dass der Kapitalismus mit dem christlichen Glauben unvereinbar ist

 

Wie Unruhestifter sehen sie nicht aus, die meist älteren Damen und Herren, die sich an diesem Tag Mitte Juni vor der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main versammelt haben. In Freizeitkleidung und zum Teil im Habit, könnte man sie für eine Gruppe versprengter christlicher Pilger halten, die sich im Weg geirrt haben. Wären da nicht die Plakate und Transparente, die zeigen, dass sie genau da sind, wo sie hinwollen. Seit nunmehr 25 Jahren treffen sie sich hier jeden ersten Donnerstag im Monat zu Mahnwachen gegen das kapitalistische Wirtschaftssystem.

 

»Diese Wirtschaft tötet« steht auf ihren Schildern oder auch »Unser Wirtschaftssystem geht über Leichen«. »Weil wenige reich sind, sind viele arm« mahnt ein großes Kreuz, während eine Slumhütte, die »Villa Armut«, die Not der Menschen im Süden symbolisiert. Ein »Tor der Hoffnung« zeigt, dass man auch bei der 300. Mahnwache durchaus noch an Veränderung der bestehenden Verhältnisse glaubt. Kaum jemand in den vorbeifahrenden Autos und unter den wenigen Passanten wundert sich noch über diese Leute, die unermüdlich den Protest ins Bankenviertel tragen. Die Initiative Ordensleute für den Frieden (IOF) ist längst ein Begriff in der politischen Landschaft geworden - und das weit über Frankfurt hinaus.


Den Anstoß zu ihrem Engagement gab der NATO-Doppelbeschluss 1979. Weil einige Ordensleute und ihre Freunde der wachsenden Gefahr eines Atomkriegs nicht tatenlos zusehen wollten, zogen sie mit zur Großdemonstration der Friedensbewegung im Oktober 1983 nach Bonn. Die IOF war aus der Taufe gehoben. Fortan setzte sich die engagierte Gruppe mit Mahnwachen am Cruise-Missiles-Standort Hasselbach im Hunsrück für ein Ende des Wettrüstens ein. Doch auch als man die Raketen abzog, legten ihre Mitglieder nicht die Hände in den Schoß. Gerade durch die weltweite Arbeit ihrer Orden hatten sie inzwischen viel über Hintergründe von Kriegen und globaler Ungleichheit gelernt. »Ohne Gerechtigkeit für alle gibt es keinen Frieden«, war ihre ebenso ernüchternde wie grundlegende Erkenntnis.

 

Deshalb zogen sie mit ihrem Protest weiter, vor einen anderen »Ort des Unheils«: die Deutsche Bank. Dabei sehen sie diese als Symbol für die kapitalistische Wirtschaftsordnung insgesamt: »Wären wir in Stuttgart gewesen, hätte es auch Daimler sein können«, erklärt Gregor Böckermann, ein ehemaliger Afrikamissionar, der seit vielen Jahren bei der IOF aktiv ist. »Wir sind der festen Überzeugung, dass der Kapitalismus mit dem christlichen Glauben unvereinbar ist«, erläutert der heute 74-jährige den Tenor ihres politischen Engagements. Zwar habe man zu Beginn der Mahnwachen noch »Schuldenstreichung für die 3. Welt« gefordert, aber in der intensiven Auseinandersetzung mit der Weltwirtschaftsordnung erkannt, dass der Kapitalismus nicht reformierbar sei: »Der Mensch wird geopfert für ein System, in dem das Geld den höchsten Wert darstellt«, so Böckermann.


Da die resoluten Ordensleute schnell merkten, dass Mahnen als Protest nicht wirklich ausreicht, setzen sie zusätzlich auf Aktionsformen des zivilen Ungehorsams wie Blockaden der Tiefgarage der Deutschen Bank 1996 oder eine Gülleaktion unter dem Motto »Geld stinkt doch!« 1998. Auch in Sachen internationaler Politik mischte man unter anderem 2003 bei Autobahnblockaden zum Golfkrieg oder 2007 bei Protesten zum G8-Gipfel in Heiligendamm mit. Ebenso wenig macht ihr Protest vor der hiesigen Amtskirche halt, denn deren Vertreter »stecken unter einer Decke mit den Mächtigen«, wie Böckermann betont. Zuletzt besuchten sie 2009 den Limburger Dom und entrollten außen ein riesiges Transparent »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon«.


Unterstützung bekommt die IOF mittlerweile von »ganz oben«. Immerhin kritisiert Papst Franziskus den Kapitalismus ebenso unverblümt wie sie. Viel Grund zur Freude ist das nach Ansicht von Böckermann jedoch noch nicht: »In den letzten 25 Jahren ist die Schere zwischen Arm und Reich nicht kleiner, sondern nur noch größer geworden.« Dies sei mittlerweile auch hierzulande deutlich spürbar: »Übertriebener Luxus auf der einen, steigende Arbeitslosigkeit und Armut auf der anderen Seite«. Dennoch wären Böckermann und seine Mitstreiter wohl keine gläubigen Christen, wenn sie bei aller Sorge nicht den Keim der Hoffnung auf Abschaffung des Kapitalismus in sich trügen: »Auch wenn nicht viel danach aussieht - ich habe durchaus Hoffnung, dass dies noch zu meinen Lebzeiten geschieht.«


Neues Deutschland 08.07.2015

 

 

Utopie von der grünen Stadt
 

Architekten und Ingenieure fordern nachhaltige Maßnahmen im Gebäudebestand

 

Energetische Gebäudesanierung war das zentrale Thema auf dem »Baumeistertag«. Der Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure (BDB) hielt ihn am Wochenende in Halle an der Saale ab.

Ein paar Schritte vom Bahnhof ins Zentrum von Halle an der Saale genügen, um aktuelle Statistiken bestätigt zu sehen: Die Mehrzahl der Gebäude in Deutschland ist mehr als 35 Jahre alt - und gerade mal fünf Prozent aller Bauten entsprechen den Anforderungen der EnEV (Energieeinsparverordnung).

Hier muss etwas geschehen, wenn die Bundesregierung, wie angekündigt, den CO2-Ausstoß bis 2020 um mindestens 20 Prozent gegenüber 1990 senken will. Schließlich entfällt fast die Hälfte des Energieverbrauchs hierzulande auf den Gebäudebereich. Doch angesichts einer Sanierungsrate, die bei etwa einem Prozent jährlich stagniert, scheint das Ziel eher utopisch zu sein.

 

Dieses Problem war ein zentrales Thema beim »Baumeistertag«, den der BDB vom 14. bis zum 16. Mai in Halle an der Saale abhielt. »Bauen - innovativ und grün« war nicht nur das Motto des Kongresses des bundesweit größten Berufsverbandes von Architekten und Bauingenieuren, sondern bestimmt nach dem Willen der Delegierten als Leitgedanke dessen Arbeit für das Jahr 2015 entscheidend mit. Schließlich möchte man die klimapolitischen Ziele der Bundesregierung von Expertenseite unterstützen.

 

So verabschiedete man in Halle beispielsweise eine Resolution, mit der »Charta Zukunft Stadt und Grün« politische Entscheidungsträger zu motivieren, eine Neuausrichtung der Städtebauförderung in Sachen Nachhaltigkeit vorzunehmen. Damit steht der BDB in einer inhaltlichen Linie mit den anderen Unterzeichnern der Charta, darunter der NABU, Gewerkschaften, aber auch Unternehmen wie IKEA. Sie alle möchten kommunalen Klimaschutz als ganzheitliches Thema verstanden wissen und nicht auf die leidige Diskussion um mehr oder weniger dicke Dämmung reduzieren: »Maßnahmen der energetischen Ertüchtigung sind kein Einkaufsbummel mit einem Bauprodukte-Warenkorb, sondern eine Gestaltungsaufgabe«, heißt es dementsprechend im Jahrbuch des BDB.

 

Neben ausdrücklicher Unterstützung der klimapolitischen Schritte der Bundesregierung, die diese Ende 2014 im »Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE)« festlegte, wurden bereits im Vorfeld von Halle auch kritische Töne laut, die die fehlende Konsequenz derselben bemängelten. Schließlich hatte die Bundesregierung zwar öffentlich verkündet, im Rahmen des Aktionsplans Maßnahmen zur steuerlichen Förderung der energetischen Gebäudesanierung durchzuführen, den Beschluss dann aber sang- und klanglos wieder zurückgenommen. »Geradezu unverantwortlich« findet BDB-Präsident Hans Georg Wagner, »dass die Bundesregierung damit die selbst formulierten und umweltpolitisch dringend notwendigen Ziele auf diesem Wege konterkariert«.

 

Dementsprechend sucht man in lokalen Klimabündnissen oder nationalen Initiativen wie der Stiftung »Die grüne Stadt«, die die Charta initiiert hat, neue Wege für städtebauliche Anpassungen an den Klimawandel. Dass hier schon relativ kleine nachhaltige Maßnahmen nicht nur der Umwelt, sondern auch der Lebensqualität der Bewohner dienen, zeigen Beispiele wie die Stadt Düsseldorf, wo rund 1300 Gebäude und 340 Tiefgaragen dank eines lokalen Förderprogramms mit begrünten Dächern ausgestattet wurden und einen aktiven Beitrag zum verminderten CO2-Ausstoß sowie zur Verbesserung der Wohnqualität leisten.

 

Mehr Initiativen dieser Art wären dringend notwendig, mahnt Wagner: »Es darf nicht 100 Jahre dauern, bis die Bestandsgebäude nach neuzeitlichen Gesichtspunkten modernisiert sind«.

 

Neues Deutschland, 18.05.2015

Zarghona Ahmadzai (Bogos/Medica Mondiale)

 

  Schreckliche Erfahrungen mit den Taliban

 Zarghona Ahmadzai über Strategien gegen die Gewalt an Frauen in Afghanistan



Die afghanische Psychologin Zarghona Ahmadzai war Hochschuldozentin und arbeitet bereits seit vielen Jahren klinisch mit durch Gewalterfahrungen traumatisierten Frauen. Sie ist seit 2002 bei der nach dem Fall der Taliban gegründeten Frauenorganisation »Medica Afghanistan« aktiv. Zudem kandidiert sie bei den nächsten Parlamentswahlen, die dieses Jahr geplant sind. Mit Frau Ahmadzai sprach für »nd« Mona Grosche.

 

nd: Frau Ahmadzai, die 2004 ratifizierte afghanische Verfassung proklamiert gleiche Rechte für Männer und Frauen. Ist mit der Verfassung ein wirklicher Fortschritt verbunden gewesen?
Ahmadzai: Ja, seitdem hat es kleine Veränderungen, einige kleine Verbesserungen für die Frauen in Afghanistan gegeben. Diese betreffen vor allem die Bereiche Bildung, Schule und Berufsausübung. Viele Mädchen können zur Schule gehen, und viele Frauen nutzen die Möglichkeiten, außerhalb des häuslichen Bereiches zu arbeiten. Es gibt auch spezielle Stipendien, wenn auch nur für einen kleinen Kreis von Mädchen, damit sie höhere Bildung bekommen können.

Wie steht es um die politische Beteiligung?
Besser. Frauen haben das gesetzlich verankerte Recht zu wählen und sich selbst zu Wahlen aufstellen zu lassen. So haben auch Frauen an der Friedens-Dschirga 2010 teilgenommen, als über den Friedensprozess mit den Taliban beraten wurde. Damit spielen sie auch eine Rolle beim Friedensprozess, und es gibt gewisse Möglichkeiten für die Frauen, sich in die Politik mit einzubringen. Zwar kann man nicht sagen, dass es große Fortschritte gegeben hat – aber verglichen mit der Zeit davor hat sich schon etwas verbessert.

Sie arbeiten als Psychologin für die Organisation »Medica Afghanistan«. Mit welchen Problemen beschäftigen Sie sich?
Gewalt gegen Frauen war auch in den letzten zehn Jahren ein sehr ernstes Problem. Alle 18 Sekunden geschieht, statistisch gesehen, Gewalt gegen eine Frau in Afghanistan. Sie wird in verschiedenen Formen ausgeübt, so etwa als häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt, Zwangsverheiratung – auch von Kindern –, Frauenhandel und »Ehrenmorden«. Frauen dienen oft auch als Spielball in Familienfehden. Durch die internationalen Medien sind in letzter Zeit einige spektakuläre Fälle gegangen, so etwa der Fall einer 18-Jährigen, der von der Familie ihres Mannes Nase und Ohren abgeschnitten worden waren. Aber solche Grausamkeiten sind keine Einzelfälle. Es gibt zahlreiche Fälle dieser Art, von denen wir jetzt wissen.

 

Was setzt »Medica Afghanistan« entgegen?
»Medica Afghanistan« führt Einzel- und Gruppenberatungen für Frauen durch. Wir geben psychosoziale Unterstützung, sorgen für Rechtsbeistand, leisten Bildungsarbeit – wie etwa Alphabetisierungskurse – und führen spezielle Schulungen für medizinisches Fachpersonal in Traumaarbeit durch. Zudem betreiben wir Aufklärung über Radioprogramme.

Erhalten Sie dabei Unterstützung von offiziellen afghanischen Stellen?
Es gibt einige Ministerien, die mit uns zusammenarbeiten, so etwa das Gesundheitsministerium, das Justizministerium oder das Frauenministerium. Diese ermutigen und unterstützen teilweise unsere Programme, vor allem, was unsere Arbeit mit Gewaltopfern anbelangt. Eine Kooperation mit ihnen ermöglicht es, dass wir zum Beispiel Opfer von solch schrecklichen Gewalttaten psychologisch behandeln oder dass Opfer von Gewalt medizinische Behandlung und Schutz in Krankenhäusern erhalten.

Was kann man von Deutschland aus zur Unterstützung tun?
Wir brauchen internationale Unterstützung, zum Beispiel auch von den Frauen in Deutschland, damit wir unsere Arbeit ausweiten können. Leider sind wir nicht in allen 34 Provinzen aktiv, sondern im Moment nur in den wichtigsten Städten Afghanistans. Aber die Frauen im Rest des Landes brauchen auch unsere Unterstützung, schließlich haben rund 90 Prozent der Frauen in Afghanistan Gewalterfahrungen.

Was sind Ihre Erwartungen bezüglich des Abzugs der internationalen Truppen 2014? Und was Ihre Befürchtungen und Hoffnungen für die Zeit danach?
Wir haben vor Jahren schreckliche Erfahrungen mit den Taliban gemacht, wo die Frauen komplett vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen waren. Wir haben deshalb große Sorge um die Zukunft. Wenn die Taliban zurückkehren sollten, wird alles wieder zurückgeschraubt, was wir bisher erreicht haben, die Frauenrechte werden wieder beschnitten. Ich befürchte, dass dann diese dunklen Zeiten, unter denen wir so gelitten haben, wieder zurückkehren – natürlich auch, was mich persönlich und die Arbeit meiner Organisation anbelangt.

Spenden über: Medica Mondiale, Kto. Nr. 45 000 163, Sparkasse KölnBonn, BLZ 370 501 98

 

Neues Deutschland, 5.2.2013



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Mona Grosche

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