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Zwei Leben in einem

 

Graphic Novel zeigt Zerrissenheit einer Ärztin im Auslandseinsatz zwischen Profession und Familie


Mona Grosche


Noch bis zum 10. Oktober zeigt das Museum für Kommunikation Berlin die Ausstellung »Vorbilder*innnen – Feminismus in Comic und Illustration«. 30 Künstlerinnen werden darin vorgestellt, die das Thema auf sehr individuelle Weise aufgreifen. Dazu gehören bekannte Namen wie Pénélope Bagieu, Liv Strömquist und Judith Vanistendael. Letztere hat 2021 ihre neue Graphic Novel »Penelopes zwei Leben« auf Deutsch veröffentlicht.

 

Penelope ist bekanntlich in Homers Epos die Ehefrau von Odysseus, die tugendhaft 20 Jahre lang auf ihn wartet, während er durch die Weltgeschichte reist und Heldentaten begeht. Ganz anders kommt die moderne Penelope daher, die in Vanistendaels Graphic Novel im Mittelpunkt des Geschehens steht. Im Gegensatz zum traditionellen Verständnis einer passiven, selbstaufopfernden Weiblichkeit ist sie zwar auch Ehefrau und Mutter – aber in erster Linie eine Chirurgin, die Menschen in Not helfen will. Ihre Berufung führt sie zu humanitären Einsätzen in ein Lazarett ins syrische Aleppo. Dort versucht sie verzweifelt, die Not der vom Krieg betroffenen Menschen zu lindern. Zu Hause in Belgien kümmert sich Otto, ein kluger Kopf und Dichter, liebevoll um die gemeinsame Tochter Helena. Unterstützt wird er von Penelopes Mutter und Schwester, die beide nicht verstehen, dass die Ärztin sich in Syrien um fremde Kinder bemüht, statt bei ihrem eigenen zu bleiben.

 

Für Penelope selbst wird die Kluft zwischen den beiden Leben immer größer. In Therapiesitzungen versucht sie, die traumatischen Erlebnisse sowie ihre innere Zerrissenheit zwischen Familie und humanitärem Engagement aufzuarbeiten. Doch das fällt immer schwerer. So ist sie nicht nur traurig, dass ihre Tochter wichtige Themen wie die erste Periode mit der Oma statt mit ihr besprechen musste –, mehr noch belastet sie die Bürde, die lebhafte Erinnerung an ein syrisches Mädchen, das bei einer Operation starb, stets mit sich herumzuschleppen. Mit Entfremdung reagiert sie auf die eigene Familie, als sie zum 14. Geburtstag ihrer Tochter endlich einmal nach Hause fliegt. Während ihre Tochter heult, weil sie den Ablativ im Lateinunterricht  nicht versteht, und ihre Mutter drängt, ganz nach Belgien zurückzukehren, fühlt Penelope sich total fehl am Platz. Nicht einmal mit Otto, der sie akzeptiert, wie sie ist, kann sie ihre Erlebnisse und Gefühle teilen …

 

Ein Happyend bietet Vanistendael in ihrem Comic nicht. Penelope kann ihre Berufung nicht aufgeben, denn das wäre der Verlust dessen, was sie als Persönlichkeit ausmacht. Aber sie kann sich auch nicht dem Druck entziehen, Helena eine gute Mutter sein zu wollen. Dieser Konflikt wirkt gerade dadurch um so plastischer, als die Figuren nicht schablonenhaft dargestellt werden, sondern als vielschichtige Persönlichkeiten, deren Bedürfnisse und Gefühle sehr gut nachvollziehbar sind. – Penelopes Dilemma zu bewerten und über mögliche Auswege nachzudenken, das bleibt so den Lesenden selbst überlassen.

 

Optisch lebt die Graphic Novel von variantenreichen Panels und dynamischen Aquarellzeichnungen. Mit Tuschefarbtupfern und wenigen konturierenden Strichen kreiert Vanistendael ausdrucksstarke, emotionale Bilder. Insbesondere auf den ersten rund 20 Seiten wird so der Gegensatz der beiden Leben deutlich spürbar: In der oberen Hälfte der Seiten erlebt Penelopes Tochter in Belgien ihre erste Periode, in der unteren Hälfte verliert Penelope den Kampf um das Leben des Mädchens in Aleppo.

Vanistendael verarbeitete in ihren Schilderungen aus Aleppo die Berichte eines Arztes, der in einigen Krisengebieten tätig war, sowie die Erfahrungen einer Ärztin, die sie bei einem Besuch des Lagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos kennenlernte. Eine Comicreportage über den Besuch in Moria ist als interessantes Extra am Ende des Buches angefügt.

Judith Vanistendael (Übersetzung: Andrea Kluitman). Penelopes zwei Leben, Reprodukt Verlag, Berlin 2021, 176 Seiten, 20 Euro
 

https://www.jungewelt.de/artikel/408759.rezension-zwei-leben-in-einem.html
20.08.2021

Biographien starker Frauen:

Isadora Duncan, Cass Elliot, Charlotte Perrian

 

Lebensgeschichten dreier Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts erscheinen in Comicform

 

Zwar handelt es sich um sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, doch alle verbindet die Liebe zur Kunst und der unbedingte Wille, allen Widerständen zum Trotz ihrer Berufung zu folgen. Gleich drei Biographien starker Frauen veröffentlicht der Berliner Reprodukt-Verlag im Herbst 2020 in Comicform.

 

Barfüßige Wegbereiterin
Isadora Duncans Leben (1877/78–1927) war vom Tanz geprägt. Aufgewachsen als Kind aus einer armen irischen Einwandererfamilie in den USA, ging sie 1898 nach Europa, wo ihre internationale Karriere begann. Duncan lehnte das klassische Ballett ab. Spitzentanz und die strengen Regeln bedeuteten für sie »Degeneration und Sterilität«, wie sie in ihrem Manifest von 1903 »The Dance of the Future« kritisierte. Mit ihrem eigenen Tanzstil und »untanzbarer« Musikauswahl wurde sie zur Wegbereiterin des modernen Ausdruckstanzes. Inspiriert von der griechischen Antike, trat sie barfuß in schlichten Gewändern auf, die viel mehr Haut zeigten, als erlaubt war. Duncan suchte Freiheit und Natürlichkeit in allen gesellschaftlichen Bereichen, so war sie bereits mit zwölf Jahren entschiedene Gegnerin der Institution Ehe. Sie sah die Zivilisation als Abkehr vom natürlichen Leben an und lebte eine Weile in der politisch-künstlerischen Kolonie des Monte Verità (»Berg der Wahrheit«) im Tessin. Bei dieser facettenreichen Frau verwundert es nicht, dass ihr Julie Birmant und Clément Oubrerie die Graphic Novel »Isadora« widmeten. Allerdings ist es eher schwierig, in dem schön bebilderten und abwechslungsreich inszenierten Comic ihre feministische und emanzipatorische Seite zu entdecken. Zwar begleiten wir sie auf wichtigen Stationen ihres Werdegangs. Doch leider blickt sie mit großen runden Augen meist eher naiv-überrascht in die Welt – und statt ihrer Positionen finden wir viele Zitate des russischen Dichters Sergej Jessenin, die ebenso wie die kurze, schwierige Ehe mit ihm zuviel Raum einnehmen.

 

Charismatische Sängerin

Ein wenig trifft das auch auf die ansonsten mit viel Leidenschaft, Witz und einem frechen, wilden Bleistiftstrich umgesetzte Comicbiographie von Cass Elliott zu. Sie dürfte vielen besser bekannt sein als »Mama Cass«, prägendes Mitglied der Band »The Mamas and the Papas«, die in den 1960er Jahren mit »California Dreamin’« weltberühmt wurde. Die 1941 geborene Ellen Naomi Cohen, so ihr bürgerlicher Name, kam ebenfalls aus ärmlichen Verhältnissen in den USA, nur dass sie russisch-jüdischer Herkunft war. Wie die Graphic Novel deutlich vermittelt, waren an Cass nicht nur die Musikalität und das lose Mundwerk bemerkenswert, sondern vor allem ihr enormes Selbstbewusstsein. Obwohl sie bereits als Kind unter Adipositas litt, glaubte sie an sich und ihr Talent – und ging unbeirrbar ihren Weg. Sehr amüsant und mit viel Sympathie zeichnet Pénélope Bagieu das Bild einer Frau, die nicht nur über starke Familienbande verfügte, sondern mit ihrer Ausstrahlung auch Zigtausende Fans in ihren Bann zog. Leider wird hier ebenfalls zuviel Gewicht auf das nicht so erfolgreiche Liebesleben der 1974 verstorbenen Musikerin gelegt. Dennoch ist der Comic eine unterhaltsame Lektüre.

 

Gefragte Avantgardistin

Kunsthistorisch informativ, aber stark entpolitisiert ist die Comicbiographie über Charlotte Perriand. Die französische Designerin und Innenarchitektin ist heutzutage außerhalb von Fachkreisen kaum noch bekannt, obwohl sie eine Avantgardistin in Sachen Möbeldesign war. Geboren wurde sie 1903 in Paris, wo sie in der ersten Hälfte der 1920er Jahre Innenarchitektur studierte. Zehn Jahre lang profitierte der Architekt, Designer und Stadtplaner Charles-Édouard Jeanneret-Gris, auch bekannt als »Le Corbusier«, vom Esprit der jungen Frau in seinem Pariser Büro, bis sie als Beraterin für Industriedesign ins kaiserliche Japan eingeladen wurde. Der Comic von Charles Berberian »begleitet« sie auf der zweijährigen Reise ab Juni 1940, die zum Meilenstein ihrer Karriere wurde. Obwohl ihr viele Politiker in Japan mit großer Skepsis begegneten, wurde der Aufenthalt für sie zum Erfolg. Sie tauchte tief in die Kultur und Tradition Japans ein, die zu einer immensen Inspirationsquelle für ihre Entwürfe wurde. Auf dieser Basis entwickelte sie ihre einzigartige Vision von Innenarchitektur, so dass bis heute – nicht nur in Japan – einige ihrer Möbel moderne Klassiker sind. Leichtfüßig und elegant erzählt Berberian in liebevoll gestalteten Aquarellen die Schlüsselmomente ihres Schaffens nach, wobei ihre Probleme in einer Männerdomäne und vor allem beim Kriegseintritt Japans etwas sehr knapp dargestellt werden. Nicht erwähnt wird, was die Tiefe des Konflikts hätte verdeutlichen können – dass sie sich in den frühen 1930er Jahren politisch eindeutig links positioniert hatte und der revolutionären Künstler- und Schriftstellervereinigung Association des Écrivains et Artistes Révolution­naires (AEAR) beigetreten war, die der Kommunistischen Partei Frankreichs nahestand. Auf menschlicher Ebene abgerundet wird die Graphic Novel durch ein umfangreiches Interview mit Pernette Perriand, der Tochter der 1999 verstorbenen Protagonistin.

 

Pénélope Bagieu: California dreamin’. Reprodukt, Berlin 2020, 272 Seiten 24 EUR

Charles Berberian: Charlotte Perriand – Eine französische Architektin in Japan 1940–1942. Reprodukt, Berlin 2020, 112 Seiten, 20 EUR

Clément Oubrerie, Julie Birmant: Isadora. Reprodukt, Berlin 2020, 140 Seiten, 24 EUR

 

Junge Welt, Oktober 2020

Hannah Arendt als Comic


„Es gibt keine gefährlichen Gedanken, Denken selbst ist gefährlich.“
Hannah Arendt


Eine Graphic Novel über die Meisterdenkerin Hannah Arendt, das klingt vielversprechend! Als einzige Frau unter lauter männlichen Philosophen bewies sie mit ihren Schriften nicht nur geistige Brillanz, sondern auch enorme Radikalität. Dabei sah sich die Denkerin, die bereits mit 22 bei Karl Jaspers promovierte, selbst keineswegs als große Philosophin. So entgegnete sie gleich zu Beginn des berühmten TV-Interviews 1964 ihrem Gastgeber Günter Gaus: „Ich muss Ihnen widersprechen. Ich sehe mich selbst nicht als Philosophin, sondern als politische Theoretikerin."

Ihre zornige, streitbare Persönlichkeit und ihr „Denken ohne Geländer“, das seiner Zeit meilenweit voraus war, brachten ihr nicht nur Ruhm und Anerkennung ein, wie etwa die erste weibliche Professorenstelle in Princeton. Die Unmöglichkeit sie in eine Schublade einzuordnen, war ihren Zeitgenossen ebenso unbequem wie ihre Auffassung, dass politisches Denken sich auch im Handeln widerspiegeln müsse. Auch wenn sie heute u. a. aufgrund ihrer Definition von Totalitarismus eine herausragende Position in der Geschichte der politischen Theorie innehat, war sie gerade deswegen zeitlebens umstritten. Insbesondere ihre sarkastisch-ironischen Beobachtungen zum Eichmann-Prozess, wo sie ihn nicht als Ungeheuer, sondern als Spießbürger identifizierte, der emotionslos unfassbare Gräuel vollzog, brachten sie ins Kreuzfeuer der Kritik. Denn die „Banalität des Bösen“, wie sie es bezeichnet, zu erfassen, bedeutet letztendlich anerkennen zu müssen, dass der Nationalsozialismus kein einmaliges Unglück war, das über die Menschheit hereinbrach, sondern sich jederzeit wiederholen kann, wenn man es eben zulässt.

 

Stationen eines bewegten Lebens


Doch wie kommt man darauf, das Leben und Wirken einer so komplexen Persönlichkeit in Comciform anzugehen? Autor und Zeichner Ken Krimstein, der u.a. für den New Yorker, für Punch und für das Wall Street Journal tätig ist, war von der „Coolness“ und der Aktualität der großen Denkerin immens beeindruckt und wollte sie und ihr Werk einem breiteren Publikum näherbringen.


Dabei folgt er in seiner Graphic Novel, die seit 2019 auf Deutsch vorliegt, weitgehend der Arendt-Biografie von Elisabeth Young-Bruehl. So begleiten wir Arendt in Episoden auf ihrem Lebensweg von der Kindheit im säkular-jüdischen Elternhaus in Königsberg bis hin zu ihrem Todestag im Jahr 1974 in den USA. Neben dem frühen Tod des Vaters erfahren wir von ihrem unbändigen Wissensdrang und Freiheitswillen, ihrem Studium, ihren philosophischen Freundschaften mit Intellektuellen und Künstlern ihrer Zeit. Natürlich erfahren wir auch von ihrer waghalsigen Flucht vor den Nazis, die sie über Prag nach Frankreich bringt, wo sie erneut aus einem Internierungslager fliehen muss, um über Portugal dann schließlich in den USA zu landen…

Das alles wird geradezu atemlos erzählt und mit schnellen, hastigen Strichen gezeichnet. Ebenso wie sie in ihrem Leben von einer Station zur nächsten eilt, scheint Krimsteins Stift über das Papier zu hetzen
. Der einzige Farbklecks inmitten der schwarz-weißen Zeichnungen ist das dunkle Grün, mit dem der Zeichner Arendts Kleidung oder ihren Schmuck betupft. So sticht sie stets aus dem jeweiligen Bild heraus – das tut sie aber eh, denn der Rauch ihrer ewig glimmenden Zigarette zieht sich wie ein nikotingrauer Faden durch die Seiten.

Doch Hannah Arendt farblich hervorzuheben, reicht leider nicht aus, um sie tatsächlich in den Mittelpunkt zu rücken. Viel zu sehr zielt Krimstein darauf ab, wen Arendt kannte und mit wem sie etwa im Berliner Romanischen Café zusammen saß und diskutierte. So liest sich der Comic mitunter eher wie ein Who is Who der Intellektuellen- und Kunstszene als eine Arendt-Biografie. Der Autor scheint außerdem seltsamerweise sehr darauf bedacht zu sein, Arendts Liebesleben darzustellen, wobei er natürlich vor allem auf ihre wechselhafte Beziehung zu Martin Heidegger eingeht. Diese währte viele Jahre; erst lange nachdem Heidegger sich als Steigbügelhalter des Faschismus erwies, vermochte Arendt, sich endgültig von ihm zu lösen.

 

Zuviel Heidegger – zu wenig Arendt


Warum allerdings diese unglückselige Liebe derart viel Raum in dem Buch bekommt, bleibt unerklärlich, zumal etwa die Darstellung sehr zu bezweifeln ist, dass Hannah Arendt ausgerechnet in Momenten größter Erfolge überlegt haben soll, warum Heidegger sich dazu nicht äußert. Diese unterstellte Abhängigkeit von der Meinung des Liebhabers zeugt von einem recht klischeehaften Frauenbild. Der ungute Eindruck einer doch recht männlich-tradierten Sichtweise wird noch dadurch unterstützt, dass der Beziehung um Heidegger und dessen Gedanken mehr Raum gewidmet wird, als Krimstein Arendts eigener Philosophie zugesteht. So taucht diese als eigenständige Denkerin erst nach gut 150 Seiten auf und die Bezüge auf ihr Werk sind stets zu knapp gehalten, um mehr als nur ein wenig an der Oberfläche zu kratzen. Dies alles verwirrt, verwundert – und stört die Lektüre.

Es ist jammerschade, dass es Krimstein bei allem Erzähltalent nicht schafft, tiefere Einblicke in das Werk Arendts zu vermitteln. Dort, wo der Autor sein Wissen um ihre Gedanken durchblitzen lässt, zeigt er sich durchaus vertraut mit ihren Ideen. Aber das geschieht viel zu selten und viel zu zusammenhanglos, als dass man sich als Neuling ihrer Ideenwelt einen Reim darauf machen könnte. Dies ist umso bedauerlicher, als Hannah Arendt selbst es vermochte, schwierige Fragestellungen tatsächlich auf den Punkt zu bringen.

So muss man leider konstatieren, dass der Comic zwar einige interessante Einblicke in ihr Leben zu vermitteln vermag, es inhaltlich aber nicht schafft, ihre großartigen Gedanken zur Revolution, zur politischen Verantwortung, zur Pluralität und zum menschlichen Zusammenleben an sich zu übermitteln. Davon bekommt man tatsächlich im Film „Hannah Arendt“ mehr mit, ebenso wie in dem Interview mit Günter Gaus, das man auf Youtube in voller Länge findet.

 

Ken Krimstein (Übersetzung: Hanns Zischler): Die drei Leben der Hannah Arendt, dtv 2019, ISBN 978-3-423-28208-6, 244 S., 16,90 Euro

 

Graswurzelrevolution Literaturbeilage Frühjahr 2020

Drei Frauenleben in drei Episoden

 

Julia Zejn: Drei Wege, Avant Verlag, Berlin, Oktober 2018, 184 Seiten, vierfarbig, Softcover, 25 Euro, ISBN 978-3-945034-99-6

 

Es sind nicht die aufsehenerregenden Geschehnisse aus den Schlagzeilen, die in der Graphic Novel „Drei Wege“ im Mittelpunkt stehen. Vielmehr widmet sich Julia Zejn in drei unterschiedlichen Epsioden den Porträts dreier junger Frauen, die – im zeitlichen Abstand von 50 Jahren – versuchen, mit ihrem „ganz normalen“ Leben klarzukommen.

 

Einfach ist das für keine von den dreien, auch wenn ihre Lebensumstände sich deutlich voneinander unterscheiden: So treffen wir 1918 auf Ida, als sie im letzten Kriegsjahr des Ersten Weltkrieges bei einer wohlhabenden Arztfamilie in Berlin in Stellung geht, um ihren Vater und ihre kleinen Brüder zu unterstützen.

 

Sie ist froh, bei der gnädigen Frau und deren Söhnen gut aufgenommen zu werden. Sogar mit am Tisch sitzen darf sie und mit den Kindern Jules Verne lesen, so dass sich bald ein recht familiäres Verhältnis zwischen ihr und der Hausherrin entwickelt. Das findet allerdings ein jähes Ende, als der verwundete Ehemann wieder aus dem Lazarett nach Hause kommt.

Alter Standesdünkel und strikte Regeln für Familie und Erziehung halten damit wieder Einzug in diesem Haushalt.Zudem macht sie sich große Sorgen um ihren Liebsten, der im Feld verschollen ist.


Im Jahr 1968 lernen wir Marlies kennen, die in einem Berliner Café arbeitet, aber viel liest und nur zu gerne eine Lehre in einem Buchladen machen möchte. Eine Ausbildung halten ihre Eltern aber bei einem Mädchen für überflüssig. Auch wenn Marlies nur wenig von den aufrührerischen Gedanken und Protesten der Studentinnen und Studenten um sie herum mitbekommt, gehen ihr die miefige Enge ihrer Familie, die spießige Ehe der Schwester und die BILD-Zeitungs-Weisheiten des Vaters mächtig auf die Nerven. Als sie dann den Literaturstudenten Wolfgang kennenlernt, der im SDS engagiert ist, macht sie auf einer Demo nach dem Attentat auf Rudi Dutschke die ersten Erfahrungen mit der knüppelnden Polizei.


2018 wiederum hat Selin gerade ihr Abitur geschafft und fragt sich, was sie bloß mit ihrem Leben anfangen soll. Ihre Mutter, eine ernährungsbewusste Yogalehrerin, lässt ihr zwar alle Freiheiten, aber sie fühlt sich total ziel- und nutzlos. Sie sieht sich ohne Talente, ohne Ideen und ohne gutes Aussehen – was soll also jemals aus ihr werden?Da ist ihre beste Freundin Alina schon wesentlich strebsamer. Ein Studium in Amerika soll der nächste Schritt auf ihrem Lebensweg sein, wie sie der staunenden Selin und dem gemeinsamen Freund Finn erzählt. Doch dann muss Selin erkennen, dass bei Alina in Wahrheit nichts so ist, wie es scheint. Sie fasst einen Beschluss, um dem Herumhängen und Nichtstun ein Ende zu setzen.

 

Julia Zejn erzählt die Geschichten der Frauen in rasch wechselnden Zeitebenen, bei denen sie diese mitunter an den gleichen Schauplätzen agieren lässt. Trotz der schnellen Wechsel der Erzählstränge gelingt es ihr mit ihren prägnanten Zeichnungen, die Atmosphäre der jeweiligen Epoche einzufangen, wobei sie auch auf zeitgeschichtliche Zitate zurückgreift.
 

Auf dem Tableau realer historischer Ereignisse lässt sie uns so teilhaben an den Konflikten und Alltagssorgen der Frauen, denen sich allen die große Frage stellt, wie sich ihre Zukunft gestalten wird. Dabei sind die Möglichkeiten, diese selbst zu bestimmen, erwartungsgemäß recht unterschiedlich: Während Ida angesichts der Verheerungen des Krieges nichts anderes übrig bleibt, als ihre Arbeit zu tun und zu hoffen, dass der Traum vom Eheglück noch wahr wird, haben die anderen beiden eine Wahl bei der Entscheidung, welche Ziele sie im Leben verfolgen wollen.

Während das bei Margot mit starken gesellschaftlichen Zwängen und Konflikten in der Familie verbunden ist, ist es bei Selen aber gerade der Überfluss an Optionen, der es ihr schwermacht, ein Ziel ins Auge zu fassen, auch wenn ihr als einziger der Frauen Verständnis und Sicherheit seitens ihrer Eltern entgegengebracht werden. Eine lesenswerte, spannende Lektüre.

Graswurzelrevolution September 2018

 

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